Kritik zum Benefizkonzert 1995

 

Johan de Meij dirigierte in Waldkirch die deutsche Erstaufführung seiner zweiten Symphonie

"The Big Apple": Wo Musiker kraftvoll zubeißen können

WALDKIRCH. New York als Klangbild, der "Big Apple" als musikalischer Parforceritt: Johan de Meijs Symphonie auf die amerikanische Metropole ist die akustische Umsetzung eines vibrierenden Lebensgefühls. Das 40minütige Werk tönt, pulsiert, flimmert und rumort in unausgesetzter Bewegung. Nach de Meijs preisgekröntem Erstling "Der Herr der Ringe" ist "The Big Apple" seine zweite Großkomposition für symphonisches Blasorchester.

90 Musiker aus dem gesamten Bundesgebiet und der Schweiz haben ihr am vergangenen Wochenende unter dem Dirigat des holländischen Komponisten in der Stadthalle zur deutschen Erstaufführung verholfen. Den Erlös stellt der veranstaltende Verein "Benefiz – Musik und Kultur für andere" einem Obdachlosenprojekt des Diakonischen Werks Freiburg zur Verfügung.

Was den ersten Eindruck der Stadt von außen ausmacht, das beherrscht auch den Eröffnungssatz der zweiteiligen Komposition: die monumentale, im Sonnenlicht blinkende, starre und kalte Skyline, die in unergründlichen Straßenschluchten wurzelt. Langsam und unerbittlich entfalten sich schräge Cluster und wachsen im Näherkommen zu ohrenbetäubender Lautstärke an. Kalte Blechfanfaren, knallharte Bongos, erschütternde Baßregister. Abgedämpfte, vage Figuren lassen geheimnisvolle Geschehnisse quasi "um die Ecke" erahnen, der beständige Wechsel zwischen Crescendi, unvermittelten Abbrüchen, Neuanfängen und insistierenden Ostinati schafft eine beständige, nervöse Spannung und ein überzeugendes Bild verwirrender Gleichzeitigkeit des Weltstadtlebens.

Nach einer Rückung verfängt sich das musikalische Geschehen im Ambitus einer Sekunde zu trügerischer Ruhe: Eine auskomponierte Fermate, die mit unbestimmt angerissenen Motivbruchteilen die Nachtaktivität New Yorks skizziert, der "City, that never sleeps".

Nach der Cinemascope-Perspektive des ersten Satzes focussiert der zweite das Chaos hinter der Fassade. Im Anschluß an eine Kadenz aus selbstaufgenommenen Straßengeräuschen nimmt "Gotham" die nervöse Unruhe und Diskrepanzen des Kopfsatzes auf und verdichtet sie zu einem sinnverwirrenden Tohuwabohu, dessen Kontrastreichtum im Nebeneinander von Cembalo und Schlagzeug gipfelt. Die mühsam verhaltene Rhythmik, die dem Ganzen unterlegt ist, baut mit den immer dichter werdenden Dissonanzen ein kaum erträgliches »»

  «« Spannungspotential auf, das sich immer dann entlädt, wenn Pauke oder Gong wie der Elefant im Porzellanladen darin herumtrampeln. Und schon beginnt der nächste Anlauf: unbelehrbar individualistisch in der Stimmführung, gereizt und zunehmend schriller.

De Meij koordiniert das scheinbar Unvermittelte engagiert, versunken, mitlebend. Mal mit, mal ohne Stab formt er weit ausholende Gebärden und bringt doch jede Geste präzise auf den Punkt. Die finalen Synkopen kann man ihm am Körper ablesen: Jeder Schlag ein Treffer. Die Haare sind naß, die Augen geschlossen und der Hemdkragen leicht verrutscht.

Zum Ende schwenkt der Blick wieder in die tröstliche Totale, in erhebender Panoramaansicht kommt es zur Entfaltung jener Kraft, Macht und indifferenten Schönheit, die New Yorks Faszination ausmachen. Prachtvolle, strahlende Bläserakkorde. Die emporgereckte Faust, in der de Meij den abschließenden Trommelwirbel fängt, gerät zusammen mit den sprühenden Augen auf der Ringwaldschen Großbildleinwand zur Triumphgeste.

Bravorufe, Trampeln, Pfiffe, rhythmisches Klatschen in der voll besetzten Halle. Man kann sagen: Es brandet, und dem Jubel im Saal antworten "Raketen" aus dem Orchester. Diesen Gast wollen sich die Waldkircher warmhalten, das ist unverkennbar. Auch die Leistungen seines Assistenten Niek Wijns und die Bernhard Volks, der die Vorproben leitete, werden anerkannt.

Zum Dank betätigt sich de Meij schließlich als Glücksfee und verlost ein Saxophon und eine Trompete, die die Herstellerfirma zusammen mit einem ortsansässigen Musikgeschäft zur Verfügung gestellt hat. Zugaben: In der ersten Programmhälfte waren bereits Bearbeitungen von Werken Prokofjews, Milhauds und Schostakowitschs zu hören gewesen. Neben einer Wiederholung hat das Orchester noch einen Leckerbissen parat: Der Kürze der Vorbereitungszeit zum Trotz erklingt der fünfte Satz aus de Meijs erster Sinfonie.

Ein Konzert, für das neben den ehrenamtlichen Organisatoren in erster Linie den Laienmusikern Respekt gebührt: Sieht man von unwesentlichen Schwächen in "Romeo und Julia" ab, so glänzten alle Beteiligten durchweg mit einer hohen technischen Leistung, präsentem Toneinsatz und rhythmischer Akkuratesse.

Jens Schmitz


Quelle: Badische Zeitung vom 7. November 1995